Stoffentwicklung und Filmdramaturgie

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Die Kostümbildnerin Ingrid Zoré: Es muss stimmen

Auch wenn der Titel es anders vermuten lässt, nein, es geht nicht um eine Musikerin in diesem Buch, sondern um eine der berühmtesten Kostümbildnerinnen der Nachkriegszeit. Birgid Hanke hat ihr ein Buch gewidmet und umfassend zusammengetragen, was das Leben und Werk von Ingrid Zoré ausmacht.

In Zusammenarbeit mit der Bremer Firma Medienhaven http://www.medienhaven.de und von Studierenden der Kunstschule Wandsbek http://www.kunstschule-wandsbek.de/arbeitsproben/es-muss-stimmen gestaltet entstand ein eigenständiges Kunstwerk. Dreißig hochwertige Drucke selbst gezeichneter Figurinen, Kostümentwürfe und Fotos, der von Ingrid Zoré entworfenen Kostümbilder, sind in einem Multiple versammelt. Die schmalere Broschüre ist ebenfalls aufwendig und ansprechend mit Fotos und verschiedenen Kostümentwürfen illustriert. Auf einer Zeitleiste am Ende jeder Seite findet man chronologisch geordnet alle Filme, an denen Zoré als Kostümbildnerin mitgearbeitet hat, und man erhält auf diese Art gleich noch einen Überblick über die Filmgeschichte der letzten sechzig Jahre in Nachkriegsdeutschland.

Ingrid Zoré , am 7. Mai 1936 geboren, macht nach dem Abitur eine Schneiderlehre und besucht anschließend die Meisterschule für Kunsthandwerk, die der Hochschule für bildende Künste angegliedert war. Mit dem Nähen von Kleidern finanziert sie sich das Studium selbst. Sie studiert Mode und Bühnenbild mit dem Schwerpunkt Kostümkunde, denn es gibt noch keinen Studiengang Kostümbild.  Nach ihrem Abschluss 1960 wird sie Assistentin von Charlotte Flemming, eine der bekanntesten Kostümbildnerinnen dieser Zeit. Sie findet schnell einen Zugang in die Filmbranche und lernt alles Notwendige wie Drehbücher zu lesen und Kostümauszüge zu machen. Kurz darauf wird sie für eigene Filme gebucht. Innerhalb weniger Jahre wird sie durch ihre hervorragende Arbeit bekannt und von bedeutenden deutschen und internationalen Regisseuren engagiert, immer öfter auch fürs Fernsehen. Ihr Sohn Nicolaus, der 1967 zur Welt kommt, wird durch eine Hirnschädigung während der Geburt lebenslänglich behindert. Ihre Ehe mit dem dem Vater ihres Sohnes zerbricht daran. Das bedeutet, Ingrid Zoré muss als alleinerziehende Mutter mit einem behinderten Kind unablässig arbeiten, um den Lebensunterhalt für sich und das Kind zu verdienen.

Birgid Hanke begleitet Ingrid Zorés Karriere chronologisch durch die Jahrzehnte. Sie beschreibt zu allen wichtigen Filmen die Kostüme (z.B. Lieselotte Pulver und Heinz Rühmann in „Hokuspokus“, 1966). Sie sammelt Anekdoten zu Pannen und Erfolgen (z.B. Ingrid Zorés Begegnung mit Heinz Erhardt „Willi ist der Beste“, 1971 oder ihre Arbeit für den letzten Film mit Romy Schneider: „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“, 1982) und interviewt verschiedene Schauspieler zu ihren Erfahrungen mit Ingrid Zoré (z.B. Veronica Ferres oder Sylvester Groth). Manche Filme sind einigen sicher aus ihrer Kindheit bekannt, zum Beispiel dreht sie mit dem Regisseur Kurt Hofmann zwei Adaptionen von Eric Malpass: „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ (1968) und „Wenn süß das Mondlicht über den Hügeln steht“ (1969).

In den letzten Jahren macht sie das Kostümbild für drei große Fernsehzweiteiler: „Der Verleger“ (2001), „Das Wunder von Lengede“ (2003), und „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (2007). Nach 140 Filmprojekten und 84 Fernsehproduktionen beendet sie 2008 ihre Karriere als Kostümbildnerin. Sie gibt stattdessen Workshops z.B. in der Internationalen Filmschule in Köln und dem Berliner Institut  für Schauspiel, Film und Fernsehberufe und engagiert sich in der Vereinigung der Berufsverbände für Film und Fernsehen, „Die Filmschaffenden e.V.“.

In diesen ganzen Jahren arbeitet sie mit weltbekannten Regisseuren wie Volker Schlöndorf oder Andrzej Wajda, aber ist genauso gern und gut verantwortliche Kostümbildnerin für die Fernsehserie „Drei Damen von Grill“ (1977- 1991). Die Bandbreite ihrer Arbeit zeugt sowohl von der Tatsache, dass sie für sich und ihren Sohn Geld verdienen musste, wie von ihrem pragmatischen Ansatz: „Wenn ich einen Vertrag abgeschlossen und ein Drehbuch in der Hand hatte, galt für mich nur noch eines: Wie ziehe ich die Schauspieler richtig an?“

Besonders spannend wird es, wenn es um die Arbeitsweise der Kostümbildnerin geht.  Sie arbeitet mit Aquarellen und Bleistiftskizzen, entwirft Figurinen für die Kostüme, die teilweise noch im Archiv der Künstlerin erhalten sind.  Worauf es bei ihrer Arbeit ankommt, beschreibt sie selbst so: „Die Schauspieler dürfen die Kostüme gar nicht spüren. Sie müssen sie tragen können, wie eine zweite Haut.“

Mit einer über die Jahre ausgefeilten Arbeitstechnik entwickelt Ingrid Zoré ihre eigene Handschrift. Solides Handwerk, eine knallharte Kalkulation, Übersicht, Disziplin, Logistik und ein hervorragendes Gedächtnis sind die Voraussetzungen für ihre Arbeit. Birgid Hanke betont aber auch die kreativen Fähigkeiten, die Zorés Arbeit so erfolgreich machen: ein Gefühl für Stimmungen, ein Sinn für Bilder, künstlerisches Gestaltungsvermögen und handwerkliche Bodenständigkeit. Eine faszinierende Frau in einem spannenden Beruf, eine Biographie, die „by the way“ viel über die deutsche Filmgeschichte erzählt und über die konkrete Arbeit am Set eines Films verrät, alles das macht das Buch lesenswert.

Birgid Hanke ist auf der Berlinale beim Empfang von „Die Filmschaffenden e.V.“, der Vereinigung der Berufsverbände für Film und Fernsehen, im Foyer der Landesvertretung Baden Württemberg in der Tiergartenstraße 15, 10765 Berlin, am Samstag, den 11. 2. 2017 anzutreffen. Dort kann man sich in aller Ruhe die Multiples und die Broschüre ansehen kann und natürlich käuflich erwerben.

Das Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von der Autorin zur Verfügung gestellt.

„Es muss stimmen. Die Kostümbildnerin Ingrid Zoré.“ Von Birgid Hanke. edition linie. ISBN 978-3-00-052167-6. Die vorgestellte Broschüre kostet 25 Euro, das Multiple kostet 150 €.

Zehn Fragen an Jörg Isermeyer

Jörg Isermeyer ist Schauspieler, Theaterregisseur, Musiker und Autor. Er schreibt Kinderbücher, Bilderbücher und Theaterstücke. Im Februar erscheint sein neuestes Kinderbuch: „Bastian und die Brüllbande“. Jörg lebt mit seiner Familie in Bremen.

 Auf welchen Wegen oder Umwegen bist du zum Schreiben gekommen?

Als ca. Zehnjähriger habe ich viel gelesen und wollte unbedingt Schriftsteller werden. Ich habe mir eine wilde Wildwest-Geschichte überlegt und losgelegt. Nach fünf Seiten habe ich gemerkt, wie anstrengend das ist … und meine Zukunftspläne geändert. Über Liedtexte und die Stückerarbeitungen (als Theaterregisseur) bin ich dann doch wieder beim Schreiben gelandet. Shit happens!

An welchem Projekt arbeitest Du gerade?

Ich habe jede Menge angefangene Sachen in der Schublade. Je nachdem, wie viel Zeit mir meine Musik- und Theaterprojekte lassen, hole ich eins hervor und versuche damit fertig zu werden (oder zumindest weiter zu kommen). Gerade liegt die letzte Überarbeitung eines Kinder-Theaterstückes an, dann will ich eigentlich mit einem Jugendbuch zu den Themen Geflüchtete/AfD etc./Wohnungspolitik weitermachen … aber vielleicht wird es doch erst ein neuer Bilderbuchtext. Wenn man da erst mal eine Idee hat, ist die reine Schreibzeit überschaubarer…

Wie sieht ein vollkommener Arbeitstag für Dich aus?

Bezogen aufs Schreiben: möglichst früh in die Gänge kommen und dann in den Fluss kommen. Wenn es gut läuft, bin ich nach 4 Stunden komplett ausgelaugt. Romanfiguren sind Vampire: um wirklich zu leben, müssen sie ihren Autor*innen das Blut aussaugen. Und den Rest vom Tag nutze ich dann für Dinge, die nicht ganz so viel Energie und Konzentration brauchen.

Was wäre aus Dir geworden, wenn Du kein/e Autor/in geworden wärst?

Als ich mein Abi in der Tasche hatte, wollte ich Clochard werden – keinen Bock auf Leistungsgesellschaft. Meine Eltern waren heilfroh, dass ich dann immerhin als Straßenmusiker durch die Gegend zog … Rockstar könnte ich mir also noch vorstellen, aber dafür habe ich bisher keine Stellenausschreibung gesehen.

Von wem oder durch was hast Du am meisten über das Schreiben gelernt?

Etwas Handwerkszeug über Schreibratgeber, etwas durchs Lesen, etwas durch die Theaterarbeit als Schauspieler und Regisseur, etwas durch meine Zeit auf der Straße (Leute beobachten und sich in sie hineindenken etc.) … vielleicht am meisten dadurch, dass ich immer wieder mit anderen Menschen zusammenarbeite und versuche, offen für Kritik und Anregungen zu sein. Wenn ich Schreib-Workshops gebe, scheint mir dass der häufigste Fehler zu sein: zu früh zu glauben, man sei am Ziel.

Das beste Buch über das Schreiben?

Keine Ahnung, ich hab nicht so viele davon gelesen. „Über das Schreiben“ von Sol Stein fand ich gut, aber ich habe kaum Vergleich.

Was tust Du außer Schreiben?

Musik und Theater – und dann habe ich noch eine Familie, die will auch etwas Zeit mit mir verbringen …

Dein aktuelles Lieblingsbuch?

Seit Jahren „Huckleberry Finn“ von Mark Twain. Ansonsten habe ich gerade die Krimis von Deon Meyer und die Romane von Martin Suter für mich entdeckt. Und von den Kinderbüchern empfehle ich „Doktor Proktors Pupspulver“ von Jo Nesbo (hätte ich gern selbst geschrieben – aber bloß nicht den Film gucken, der ist grauenvoll) und die „Maulina Schmitt“-Trilogie von Finn-Ole Heinrich.

Welchen Film hast du in letzter Zeit gesehen, der dir besonders gefallen hat?

Ich würde gern viel häufiger ins Kino gehen, aber die Zeit, die Zeit … daher ist meine Empfehlung nicht mehr ganz frisch: „Grand Budapest Hotel“. Tolle Story, tolle Bilder, tolle Schauspieler – mit einer Prise Selbstironie kann man sich auch wieder an die großen Gefühle und Entwürfe heranwagen.

Schreibblockade?

Es kann jedem/jeder passieren und es passiert auch jedem/jeder: die Schreibblockade. Getreu dem Leitspruch: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ (Otto Julius Bierbaum) möchte ich Euch mein Lieblingsvideo zum Thema präsentieren:

Ivan Kander und Ben Watts haben Ausschnitte aus bekannten Filmen zusammengestellt, die eindrücklich den Verlauf einer solchen Schreibblockade zeigen. Viel Spaß dabei!

https://vimeo.com/165015837

Zehn Fragen an Anna Lott

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Anna Lott ist Autorin für Kindermedien, sie schreibt Kinderbücher (z.B. für dtv-junior, Carlsen, Arena), Geschichten fürs Radio, entwickelt gerade eine Animationsserie für das Kinderfernsehen und schreibt an ihrem ersten Drehbuch für einen Kinderfilm. Anna lebt mit ihrer Familie in Bremen. Mehr über Anna Lott unter: http://www.annalott.com.

Auf welchen Wegen oder Umwegen bist du zum Schreiben gekommen?

Mit den Umwegen ist es ja so eine Sache. Da denkt man lange, dass das in der Vita eine Menge Umwege sind. Und dann plötzlich wird klar: nee, das sind keine Umwege, das sind alles Wege, die mich ans Ziel gebracht haben. Schreiben wollte ich schon immer bzw. habe ich schon immer getan. Schon als Kind habe ich Unmengen von Tagebüchern vollgekritzelt.

An welchem Projekt arbeitest Du gerade?

Ich arbeite immer an mehreren Projekten gleichzeitig. Derzeit schreibe ich an einem Kinofilm für Kinder, an einer Buchserie für Mädchen ab acht Jahren und entwickle eine Erstelesereihe. Parallel dazu entwickle ich weitere Stoffe und reiche sie bei Verlagen oder Rundfunkanstalten ein, damit ich nicht arbeitslos bin, wenn die laufenden Projekte vorbei sind.

Wie sieht ein vollkommener Arbeitstag für Dich aus?

Mein realer Arbeitstag sieht oft so aus: Morgens lese ich die Zeitung, beantworte Mails, bringe Projekte voran und arbeite am laufenden Projekt weiter. Mittags koche ich etwas oder esse mit Kolleg/innen (wenn Zeit ist). Anschließend arbeite ich am laufenden Projekt weiter. Wenn meine Kinder um 16 Uhr von der Schule heimkommen, ist Familienzeit. Oft arbeite ich auch abends, wenn ich viel zu tun habe oder mich ein Projekt nicht loslässt.

Mein vollkommener Arbeitstag sieht im Grunde genauso aus. Ich bin froh, dass ich so selbstbestimmt und frei arbeiten kann.

Was wäre aus Dir geworden, wenn Du keine Autorin geworden wärst?

Wenn ich nicht als Autorin arbeiten würde, wäre ich vermutlich weiterhin Redakteurin beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Aber während meiner Schulzeit hatte ich häufig den Wunsch, Chirurgin zu werden (obwohl mein Abi wirklich katastrophal war). Ich frage mich jedoch, ob ich ein Medizinstudium über so viele Jahre geschafft hätte. Vermutlich hätte ich mich sehr gelangweilt. Etwas einfach nur zu lernen ohne  einen konkreten Bezug zum künftigen Beruf – puh, das wäre mir wahrscheinlich schwer gefallen. Aber, wer weiß? Wenn ich mir klare Ziele stecke, habe ich für lange Durststrecken immer eine Flasche Wasser im Gepäck.

Von wem oder durch was hast Du am meisten über das Schreiben gelernt?

Durch jahrelanges Üben, Scheitern und Weiterüben, Selbsterfahrung. Parallel dazu habe ich sehr genau beobachtet (und das tue ich noch immer): Welche Filme/ Bücher mag ich? Warum mag ich sie? Wie schaffen die jeweiligen Autoren/ Regisseure das? Welche Themen sind „meine“ Themen? Außerdem habe ich mir andere Autoren und Autorinnen ganz genau angeguckt (und das tue ich noch immer): Wie arbeiten sie? Wie gehen sie strategisch vor? Wie stellen sie sich auf dem Markt auf?

 Was tust Du außer Schreiben? Ich bewege mich viel, gehe gerne ins Kino, koche und esse mit Leidenschaft.

 Das beste Buch über das Schreiben? Stephen King: Über das Schreiben.

 Dein Lieblingsbuch? „Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Patrick Ness und der leider verstorbenen Siobhan Dowd.

Welchen Film hast du in letzter Zeit gesehen, der dir besonders gefallen hat?

„Zoomania“ fällt mir spontan ein. In diesem Film ist in meinen Augen alles rund und das Thema „Vorurteile“ wird bis in die kleinste Szene bedient. Großartig.

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