skriptreif

Stoffentwicklung und Filmdramaturgie

Seite 2 von 3

Sieben Minuten nach Mitternacht

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ erzählt die Geschichte des zwölfjährigen Connor O’Malley (Lewis MacDougall), ein Junge, „zu groß, um ein Kind zu sein und zu klein, um erwachsen zu sein“. Connor hat gerade einen Haufen Sorgen. Seine krebskranke Mutter (Felicity Jones) erholt sich immer schlechter von ihren Behandlungen. Sein Vater, der mit seiner neuen Familie in Amerika lebt, ist eine magere Unterstützung. Seine grantige Großmutter (Sigourney Weaver), auf die seine Mutter immer öfter angewiesen ist, nervt. Und nicht zuletzt sind da noch die drei Mitschüler in seiner Klasse, die ihm jeden Mittag nach Schulschluss auflauern. Bis eines Tages, sieben Minuten nach Mitternacht, ein Monster vor seinem Fenster steht, um ihn zu holen. Das Monster bietet ihm einen Deal an, drei Geschichten wird es ihm erzählen, die vierte Geschichte wird Connor selbst erzählen und das wird die Wahrheit sein. Connor ist alles andere als beeindruckt. Er hat keine Zeit für Geschichten und seine Alpträume, die ihn jede Nacht aufwachen lassen, sind schlimmer als jedes Monster. Doch irgendetwas bringt ihn dazu, sich auf das Monster einzulassen, und das ist das Beste, was ihm passieren kann.

 

„Sieben Minuten nach Mitternacht“  ist die Adaption des gleichnamigen Buches von Patrick Ness. Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist besonders. Patrick Ness hat das Buch geschrieben, aber Siobhan Dowd hatte die Idee. Die erfolgreiche Kinderbuchautorin hatte schon die Figuren, ein detailliertes Exposé und den Anfang der Geschichte, aber ihre Krebserkrankung verhinderte, dass sie dieses Buch selbst zu Ende schreiben konnte. Patrick Ness hat nach ihrem Tod mit diesem Material weiter gearbeitet. Entstanden ist ein wunderbares, berührendes Buch (2011), zu dem er selbst das Drehbuch geschrieben hat. Der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona zeigt mit seiner kongenialen Verfilmung, wie ein Film aussieht, der Kinder und Jugendliche ernst nimmt mit ihren Gefühlen, ihrer Realität und ihrer Phantasie.

Der Film bleibt ganz bei Connor, auf seiner Augenhöhe, bei seiner Perspektive, und erzählt mit Respekt von den Emotionen des Jungen, der nicht akzeptieren will, dass seine Mutter sterben wird. In ihm steckt jede Menge Wut und Verzweiflung. Und wenn das Monster ihm Mut macht, etwas zu zerstören oder sich endlich gegen seine Mitschüler zu wehren, begreift er selbst (und wir als Zuschauer), was ihn umtreibt.

Regisseur Bayona gelingt es nicht zuletzt mit Hilfe der fantastischen Kamerabilder, der gelungenen Ausstattung und den kunstvoll animierten Geschichten, die das Monster erzählt, tief in die Phantasiewelt von Connor einzusteigen. Außerdem zeichnet Connor seine Phantasiegestalten, seine Alpträume und das Monster, genau wie seine Mutter. Auf diese Weise hat der Film eine Ebene mehr als das Buch und verrät, welche Rolle Kunst in dem Prozeß der Auseinandersetzung mit existentiellen Themen spielen kann. Die Glaubwürdigkeit und Authentizität der Figuren im Umgang mit Trauer, Abschied und dem Loslassen einer geliebten Person überzeugen jede Filmminute. Was dabei herauskommt, ist ein berührender Film über einen Jungen, der gezwungen wird, sich seinen Gefühlen zu stellen, die ihn zum Schluss zu seiner eigenen Wahrheit führen.

Seit 4. Mai 2017 läuft der Film (Originaltitel: „A monster calls“) in Deutschland. Ab 19. Oktober 2017 ist die DVD erhältlich. Von der Filmbewertung wurde er mit dem Prädikat: Besonders wertvoll ausgezeichnet.

 

 

 

 

 

Zehn Fragen an Jutta Reichelt

 

Jutta Reichelt ist Schriftstellerin, Bloggerin und Dozentin. Fast so gerne, wie selbst zu schreiben, unterstützt sie die Schreibprozesse anderer – ganz unabhängig davon, ob es sich um Fanfiction oder „ernste Literatur“ handelt. Zuletzt erschien der Roman: Wiederholte Verdächtigungen. Mehr über Jutta Reichelt unter: http://www.juttareichelt.com

 

Auf welchen Wegen oder Umwegen bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe erst mit Mitte zwanzig mit dem Schreiben begonnen – und obwohl ich weder Talent noch Erfahrung noch Ideen hatte, führte sehr bald kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass es das war, was ich von nun an in den Mittelpunkt meines Lebens stellen wollte. Dann begann die lange, lange Suche nach dem (halbwegs) gelungenen Text.

An welchem Projekt arbeitest Du gerade?

Ich habe gerade die Arbeit an einem „Schulhausroman“ mit einer Schulklasse aus Bremerhaven beendet: am 13. und 15. Juni wird er in Bremen (Wallsaal) und Bremerhaven (Pferdestall) präsentiert. Unter kräftiger Mitarbeit der jungendlichen Akteure schreibe ich gerade das Theaterstück „Ein Stück von mir“ für das Bonner Theater. Für meinen „Geschichten-Generator“ (Workshop, Festival, Bühne) entwickele ich unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten – und in jeder freien Minute, die dann noch bleibt, schreibe ich an einem neuen Buch mit dem Arbeitstitel „Wie ich meine Lebensgeschichte (er)fand“.

Wie sieht ein vollkommener Arbeitstag für Dich aus?

Ich bin nicht unter Druck wegen irgendwelcher Projekte (s.o.) und kann mich an diesem Tag (und weil es ein vollkommener Tag sein soll) auch an den folgenden komplett auf mein eigenes Schreiben konzentrieren. Ich setze mich an den Schreibtisch und arbeite etwa drei Stunden. Vom Tag vorher ist noch Essen im Kühlschrank, das ich mir aufwärmen kann. Die Sonne scheint und ich setze mich zum Essen auf den Balkon. Wenn wirklich sehr gutes Wetter ist, fahre ich in den Garten und mache etwas, das ich auch dort gut machen kann (planen, plotten, lesen). Um 16.30 Uhr kommt meine Freundin von der Arbeit und wir trinken einen Tee – damit ist der Arbeitstag beendet.

Was wäre aus Dir geworden, wenn Du kein/e Autor/in geworden wärst?

Da ich das nicht als Entscheidung empfunden habe, die auch anders hätte ausfallen können, zu der es auch Alternativen gegeben hätte, kann ich das wirklich nicht beantworten.

Von wem oder durch was hast Du am meisten über das Schreiben gelernt?

Durch Lesen. Durch die sehr präzisen, sehr konstruktiven Rückmeldungen zunächst meines Bruders und später der zwei befreundeten Autorinnen Kerstin Becker und Ulrike Ulrich. Dadurch dass ich andere in ihren Schreibprozessen unterstütze.

Das beste Buch über das Schreiben?

Ach ja, an einem „alternativen Schreibratgeber“ schreibe ich auch seit Jahren, das hatte ich eben vergessen 😉 Die meisten Menschen, die in meine Kurse kommen, haben zwei Wünsche: mehr schreiben und besser schreiben. Mir ging es lange Zeit genauso. Weder mir noch den Teilnehmer.innen meiner Kurse haben Schreib-Ratgeber dabei entscheidend geholfen. Wenn Menschen mit dem Schreiben beginnen, benötigen sie nicht mehr Regeln und Vorschriften, sondern mehr Neugier und Mut, einfach mal loszulegen. Ich erlebe immer wieder, dass Teilnehmer.innen eine ursprünglich gute und originelle Idee dadurch beschädigen, dass sie „Regeln“ anwenden (Konflikt! Ziel! Antagonist!) statt die Geschichte „einfach“ nur so zu erzählen, dass sie Leser.innen findet – weil sie spannend ist (oder berührend oder klug oder einen besonderen Ton, eine überraschende Perspektive hat oder was auch immer). Wie das im Einzelfall zu erreichen ist, lässt sich (leider) immer nur im Einzelfall herausfinden (durch viel Schreiben und konstruktive, qualitativ hochwertige Rückmeldungen) – das ist meine Erfahrung sowohl mit meinen eigenen, wie mit fremden Texten. Wer in eine (halbwegs) mühelose Schreibpraxis gefunden hat und Texte schreiben möchte, die literarischen Ansprüchen genügen, der wird sicherlich einige erhellende Gedanken in „Die Kunst des Erzählens“ von James Wood finden. Ich habe auch auf meinem Blog darüber geschrieben.

Was tust Du außer Schreiben?

Vor allem leider ständig: Listen abarbeiten.

Dein aktuelles Lieblingsbuch?

Ein „Lieblingsbuch“ habe ich nicht und habe es auch nie gehabt. Ich kann aber gerne die zehn Bücher aufzählen, die ich gerade gerne in meiner Nähe habe (nach gefühltem Erscheinungsdatum rückwärts chronologisch):
„Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister“ (Usama Al Shamani/Bernadette Conrad), „Biestmilch“ (Kerstin Becker), „Draussen um diese Zeit“ (Ulrike Ulrich),, „Wer ist hier die Mutter“ (Alison Bechdel), „Rette dich, das Leben ruft“ (Boris Cyrulnik), „Extrem laut und unglaublich nah“ (Jonathan Safran Foer), „Die Vorbereitung des Romans“ (Roland Barthes), „Der starke Wanja“ (Otfried Preußler), „Aller Welt Freund“ (Jurek Becker), „Der Schwur von Kolvillag“ (Elie Wiesel)

Welchen Film hast du in letzter Zeit gesehen, der dir besonders gefallen hat?

„Hedi Schneider steckt fest“: toller Film über eine Frau, die eine Angststörung entwickelt.

Und warum?

Weil er viele Klischees umschifft, tragikomische Aspekte nutzt und nicht leugnet und mir nochmals eine neue, tiefere Sicht auf diese Erkrankung ermöglicht hat.

 

 

 

 

 

Love, Nina

Und schon wieder ein kleines Juwel im aktuellen Fernsehprogramm entdeckt! Am kommenden Freitag, den 24.3.2017, startet die Comedy-Serie „Love, Nina“ um 20.15 Uhr auf ONE.

Nick Hornby –  von mir sehr geschätzter Romanautor  (About a boy, Slam) und Drehbuchautor (Der große Trip- Wild,  Brooklyn) –  gibt seinen Einstand als Fernsehautor und hat die lebensfrohe, humorvolle Comedyserie nach dem autobiographischen Roman von Nina Stibbe geschrieben.

Nina (Faye Marsay) kommt neu nach London und beginnt ihren Job als Nanny. Sie soll die zwei chaotischen Jungs der alleinerziehenden Lektorin Georgia (Helena Bonham Carter) beaufsichtigen. Über ihren turbulenten Alltag in dieser Familie schreibt sie an ihre Schwester nach Leicestershire. Ihre Briefe begleiten uns als Voice Over durch die Serie und zeigen uns, wie Nina die Welt sieht.  Die Konfrontation der chaotischen, liebenswerten Nina mit den intellektuellen Freunden von Georgia erreichen ihre Höhepunkte in den Begegnungen mit dem berühmten Theaterautor Alan Bennett, der als Gast oft bei der Familie zu Mittag isst und Ninas Kochkünste nicht  wirklich zu schätzen weiß. Ihre unorthodoxen, eher antipädagogischen Erziehungsversuche mit den beiden Jungs bieten ebenfalls genug Potential für Konflikte. Und dann gibt es da noch den gutaussehenden jungen Mann, dem sie täglich bei ihren Einkäufen begegnet … Diese britische Serie bringt die ZuschauerInnen zum Lachen und Schmunzeln und die Folgen gehen viel zu schnell vorbei: was will man mehr?

Ich habe die Serie im Original gesehen, zu den deutschen Synchronstimmen kann ich leider nichts sagen, aber für alle, die Spaß haben, Serien im Original zu sehen, „Love, Nina“ ist bereits auf DVD erschienen. Viel Spaß!

 

Trapped – Gefangen in Island

Guckt eigentlich noch irgendjemand Fernsehen? Kein Mensch, oder? Doch ich! Manchmal. Und es gibt immer wieder Entdeckungen. An diesen möchte ich Euch gerne teilhaben lassen und werde in lockerer Folge von meinen Fernsehhighlights berichten.

Heute : Trapped – Gefangen in Island. Eine isländische Krimiserie im ZDF, am Sonntag um 22 Uhr. Serienfans kennen diesen Sendeplatz, hier lief schon die dänische Serie „Die Brücke“ oder die britische Serie „Broadchurch“.  Aber – und das ist noch wichtiger, alle Folgen sind zeitgleich auch bis 19. Mai in der ZDF-Mediathek zu finden.

Regisseur Baltasar Kormákur, ein isländischer Regisseur, der in den letzen Jahren in Hollywood gearbeitet hat („Evererst“, 2015) und dessen neuer Film „Der Eid“ gerade in den deutschen Kinos läuft,  hatte die Idee und ist für diese Krimiserie in seine isländische Heimat zurückgekehrt. Und das hat sich gelohnt.

Gleich in den ersten Szenen erinnert mich der Hauptdarsteller Ólafur Darri Ólafsson an einen anderen Film, den ich vor vielen Jahren auf dem Emder Filmfestival gesehen habe. Und richtig. Ólafur Darri Ólafsson spielt in dem isländisch-norwegischen und oscarnominierten  Film „The Deep“ (2012) unter der Regie von Baltasar Kormákur (!) einen Fischer, der nach dem Kentern seines Fischerbootes im eiskalten Wasser stundenlang um sein Leben kämpft und wider jede Erwartung überlebt. Und sehr weit ist seine Figur auch in „Trapped“ nicht von dieser Haltung entfernt.

Der Chef der Dorfpolizei Andri (Ólafur Darri Ólafsson) und seine beiden Kollegen ermitteln  in einem Mordfall. Eine Leiche, oder besser eine halbe Leiche (Kopf und Gliedmaßen fehlen), wird von Fischern aus dem Meer gefischt. Gleichzeitig legt die Touristenfähre an und darf nicht wieder auslaufen, denn alle – Fahrgäste und Crew – sind verdächtig. Und tatsächlich verhalten sich weder der Kapitän noch sein erster Ingenieur besonders kooperativ.  Und auf der Fähre befindet sich ein junger Mann, Hjörtur Stefánsson, der in den letzten großen Fall im Dorf verwickelt war, bei einem Brand kam seine Freundin ums Leben, ein Verbrechen, das nach sieben Jahren immer noch nicht vergessen ist.

Andris Kollegen aus Reykjavik, die den Fall eigentlich übernehmen müssten, kommen wegen des schlechten Wetters nicht durch. Und Andri muss über sich hinauswachsen und (über-) menschliche Fähigkeiten entwickeln, um den Mord aufzuklären, er bewahrt die Ruhe und verliert bis zum Schluss seine Menschlichkeit nicht. Andris familiäre Situation ist auch nicht ohne. Er lebt mit seinen Töchtern bei seinen Schwiegereltern und seine Exfrau kommt mit ihrem neuen Partner, um die Mädchen nach Reykjavík mitzunehmen. Ähnlich stoisch wie das Wetter erträgt Andri diese beiden, die in sein Leben eindringen und es für immer verändern wollen. Als einer der Familienangehörigen des Mordes verdächtig wird, muss Andri entscheiden, wem seine Loyalität gilt.

Und dann zeigt die Serie, was man mit einem Schauplatz wie Island alles machen kann! Die Natur wird hier zum  Antagonisten, ein Schneesturm, Lawinen und ein zugeschneiter Pass sorgen dafür, dass das Dorf von der Außenwelt abgeschlossen ist. Einheimische, Touristen und mindestens ein Mörder sind eingesperrt. Jede Minute hindert das Wetter die drei Polizisten daran, ihren Job zu machen.

Natürlich geht es um die großen Themen, es geht um Menschenhandel und internationales Verbrechen, aber letztlich werfen die Morde alles auf das Dorf und seine Bewohner zurück. Die Tiefe erhält die Serie durch die Charaktere und Beziehungen im Dorf und nicht durch das internationale Verbrechen und die Globalisierung, die auch vor dem kleinen Dorf nicht halt machen.

All das ist extrem spannend und glaubwürdig erzählt. Der Regisseur, so heißt es, bereitet die zweite Staffel der Serie vor. Wir dürfen uns freuen! Unbedingte Empfehlung, aber Vorsicht: Suchtgefahr.

Trapped – Gefangen in Island. ZDF, Sonntag 22 Uhr  seit 19.2. bis 19.3. 2017 und bis 19. Mai in der ZDF-Mediathek.  https://www.zdf.de/serien/trapped-gefangen-in-island

VeDRA: Wendepunkt 37

Pünktlich zur Berlinale, die gestern zu Ende ging, ist der neue Wendepunkt erschienen, die Zeitschrift von VeDRA, dem Verband für Film- und Fernsehdramaturgie.

  • Über das ThemaVirtual Reality – Erzählen in 360°“, die Dramaturgie in virtuellen Welten, berichten Roman Klink (VeDRA) mit einer Analyse der HBO-Serie „Westworld“ und Prof. Egbert van Wyngaarden (VeDRA).
  • Roland Zag (VeDRA), der sich gerade von der Heldenreise als dramaturgischem Prinzip verabschiedet hatte, stellt seinen neuen Ansatz vor: Dramaturgie der Systeme – Das neue Erzählen des Kollektiven.
  • Berichte von der FilmStoffEntwicklung 2016 für die Daheimgebliebenen
  • Jonas Ulrich (VeDRA) beschäftigt sich mit „Fiktionales Erzählen auf You Tube“ und erklärt, warum mit YouTube-Serien nicht viel Geld zu machen ist.
  • „Children of Tendu“. Dr. Markus Hedrich (VeDRA) schreibt über den berühmten Podcast von zwei amerikanischen Drehbuchautoren, die regelmäßig aus der Welt der TV- Serie und ihren Erfahrungen aus dem Writer‘s Room berichten.

Hier könnt Ihr die aktuelle Ausgabe herunterladen: http://www.dramaturgenverband.org/sites/default/files/news/wendepunkt/vedranl37.pdf

Die Kostümbildnerin Ingrid Zoré: Es muss stimmen

Auch wenn der Titel es anders vermuten lässt, nein, es geht nicht um eine Musikerin in diesem Buch, sondern um eine der berühmtesten Kostümbildnerinnen der Nachkriegszeit. Birgid Hanke hat ihr ein Buch gewidmet und umfassend zusammengetragen, was das Leben und Werk von Ingrid Zoré ausmacht.

In Zusammenarbeit mit der Bremer Firma Medienhaven http://www.medienhaven.de und von Studierenden der Kunstschule Wandsbek http://www.kunstschule-wandsbek.de/arbeitsproben/es-muss-stimmen gestaltet entstand ein eigenständiges Kunstwerk. Dreißig hochwertige Drucke selbst gezeichneter Figurinen, Kostümentwürfe und Fotos, der von Ingrid Zoré entworfenen Kostümbilder, sind in einem Multiple versammelt. Die schmalere Broschüre ist ebenfalls aufwendig und ansprechend mit Fotos und verschiedenen Kostümentwürfen illustriert. Auf einer Zeitleiste am Ende jeder Seite findet man chronologisch geordnet alle Filme, an denen Zoré als Kostümbildnerin mitgearbeitet hat, und man erhält auf diese Art gleich noch einen Überblick über die Filmgeschichte der letzten sechzig Jahre in Nachkriegsdeutschland.

Ingrid Zoré , am 7. Mai 1936 geboren, macht nach dem Abitur eine Schneiderlehre und besucht anschließend die Meisterschule für Kunsthandwerk, die der Hochschule für bildende Künste angegliedert war. Mit dem Nähen von Kleidern finanziert sie sich das Studium selbst. Sie studiert Mode und Bühnenbild mit dem Schwerpunkt Kostümkunde, denn es gibt noch keinen Studiengang Kostümbild.  Nach ihrem Abschluss 1960 wird sie Assistentin von Charlotte Flemming, eine der bekanntesten Kostümbildnerinnen dieser Zeit. Sie findet schnell einen Zugang in die Filmbranche und lernt alles Notwendige wie Drehbücher zu lesen und Kostümauszüge zu machen. Kurz darauf wird sie für eigene Filme gebucht. Innerhalb weniger Jahre wird sie durch ihre hervorragende Arbeit bekannt und von bedeutenden deutschen und internationalen Regisseuren engagiert, immer öfter auch fürs Fernsehen. Ihr Sohn Nicolaus, der 1967 zur Welt kommt, wird durch eine Hirnschädigung während der Geburt lebenslänglich behindert. Ihre Ehe mit dem dem Vater ihres Sohnes zerbricht daran. Das bedeutet, Ingrid Zoré muss als alleinerziehende Mutter mit einem behinderten Kind unablässig arbeiten, um den Lebensunterhalt für sich und das Kind zu verdienen.

Birgid Hanke begleitet Ingrid Zorés Karriere chronologisch durch die Jahrzehnte. Sie beschreibt zu allen wichtigen Filmen die Kostüme (z.B. Lieselotte Pulver und Heinz Rühmann in „Hokuspokus“, 1966). Sie sammelt Anekdoten zu Pannen und Erfolgen (z.B. Ingrid Zorés Begegnung mit Heinz Erhardt „Willi ist der Beste“, 1971 oder ihre Arbeit für den letzten Film mit Romy Schneider: „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“, 1982) und interviewt verschiedene Schauspieler zu ihren Erfahrungen mit Ingrid Zoré (z.B. Veronica Ferres oder Sylvester Groth). Manche Filme sind einigen sicher aus ihrer Kindheit bekannt, zum Beispiel dreht sie mit dem Regisseur Kurt Hofmann zwei Adaptionen von Eric Malpass: „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ (1968) und „Wenn süß das Mondlicht über den Hügeln steht“ (1969).

In den letzten Jahren macht sie das Kostümbild für drei große Fernsehzweiteiler: „Der Verleger“ (2001), „Das Wunder von Lengede“ (2003), und „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (2007). Nach 140 Filmprojekten und 84 Fernsehproduktionen beendet sie 2008 ihre Karriere als Kostümbildnerin. Sie gibt stattdessen Workshops z.B. in der Internationalen Filmschule in Köln und dem Berliner Institut  für Schauspiel, Film und Fernsehberufe und engagiert sich in der Vereinigung der Berufsverbände für Film und Fernsehen, „Die Filmschaffenden e.V.“.

In diesen ganzen Jahren arbeitet sie mit weltbekannten Regisseuren wie Volker Schlöndorf oder Andrzej Wajda, aber ist genauso gern und gut verantwortliche Kostümbildnerin für die Fernsehserie „Drei Damen von Grill“ (1977- 1991). Die Bandbreite ihrer Arbeit zeugt sowohl von der Tatsache, dass sie für sich und ihren Sohn Geld verdienen musste, wie von ihrem pragmatischen Ansatz: „Wenn ich einen Vertrag abgeschlossen und ein Drehbuch in der Hand hatte, galt für mich nur noch eines: Wie ziehe ich die Schauspieler richtig an?“

Besonders spannend wird es, wenn es um die Arbeitsweise der Kostümbildnerin geht.  Sie arbeitet mit Aquarellen und Bleistiftskizzen, entwirft Figurinen für die Kostüme, die teilweise noch im Archiv der Künstlerin erhalten sind.  Worauf es bei ihrer Arbeit ankommt, beschreibt sie selbst so: „Die Schauspieler dürfen die Kostüme gar nicht spüren. Sie müssen sie tragen können, wie eine zweite Haut.“

Mit einer über die Jahre ausgefeilten Arbeitstechnik entwickelt Ingrid Zoré ihre eigene Handschrift. Solides Handwerk, eine knallharte Kalkulation, Übersicht, Disziplin, Logistik und ein hervorragendes Gedächtnis sind die Voraussetzungen für ihre Arbeit. Birgid Hanke betont aber auch die kreativen Fähigkeiten, die Zorés Arbeit so erfolgreich machen: ein Gefühl für Stimmungen, ein Sinn für Bilder, künstlerisches Gestaltungsvermögen und handwerkliche Bodenständigkeit. Eine faszinierende Frau in einem spannenden Beruf, eine Biographie, die „by the way“ viel über die deutsche Filmgeschichte erzählt und über die konkrete Arbeit am Set eines Films verrät, alles das macht das Buch lesenswert.

Birgid Hanke ist auf der Berlinale beim Empfang von „Die Filmschaffenden e.V.“, der Vereinigung der Berufsverbände für Film und Fernsehen, im Foyer der Landesvertretung Baden Württemberg in der Tiergartenstraße 15, 10765 Berlin, am Samstag, den 11. 2. 2017 anzutreffen. Dort kann man sich in aller Ruhe die Multiples und die Broschüre ansehen kann und natürlich käuflich erwerben.

Das Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von der Autorin zur Verfügung gestellt.

„Es muss stimmen. Die Kostümbildnerin Ingrid Zoré.“ Von Birgid Hanke. edition linie. ISBN 978-3-00-052167-6. Die vorgestellte Broschüre kostet 25 Euro, das Multiple kostet 150 €.

Zehn Fragen an Jörg Isermeyer

Jörg Isermeyer ist Schauspieler, Theaterregisseur, Musiker und Autor. Er schreibt Kinderbücher, Bilderbücher und Theaterstücke. Im Februar erscheint sein neuestes Kinderbuch: „Bastian und die Brüllbande“. Jörg lebt mit seiner Familie in Bremen.

 Auf welchen Wegen oder Umwegen bist du zum Schreiben gekommen?

Als ca. Zehnjähriger habe ich viel gelesen und wollte unbedingt Schriftsteller werden. Ich habe mir eine wilde Wildwest-Geschichte überlegt und losgelegt. Nach fünf Seiten habe ich gemerkt, wie anstrengend das ist … und meine Zukunftspläne geändert. Über Liedtexte und die Stückerarbeitungen (als Theaterregisseur) bin ich dann doch wieder beim Schreiben gelandet. Shit happens!

An welchem Projekt arbeitest Du gerade?

Ich habe jede Menge angefangene Sachen in der Schublade. Je nachdem, wie viel Zeit mir meine Musik- und Theaterprojekte lassen, hole ich eins hervor und versuche damit fertig zu werden (oder zumindest weiter zu kommen). Gerade liegt die letzte Überarbeitung eines Kinder-Theaterstückes an, dann will ich eigentlich mit einem Jugendbuch zu den Themen Geflüchtete/AfD etc./Wohnungspolitik weitermachen … aber vielleicht wird es doch erst ein neuer Bilderbuchtext. Wenn man da erst mal eine Idee hat, ist die reine Schreibzeit überschaubarer…

Wie sieht ein vollkommener Arbeitstag für Dich aus?

Bezogen aufs Schreiben: möglichst früh in die Gänge kommen und dann in den Fluss kommen. Wenn es gut läuft, bin ich nach 4 Stunden komplett ausgelaugt. Romanfiguren sind Vampire: um wirklich zu leben, müssen sie ihren Autor*innen das Blut aussaugen. Und den Rest vom Tag nutze ich dann für Dinge, die nicht ganz so viel Energie und Konzentration brauchen.

Was wäre aus Dir geworden, wenn Du kein/e Autor/in geworden wärst?

Als ich mein Abi in der Tasche hatte, wollte ich Clochard werden – keinen Bock auf Leistungsgesellschaft. Meine Eltern waren heilfroh, dass ich dann immerhin als Straßenmusiker durch die Gegend zog … Rockstar könnte ich mir also noch vorstellen, aber dafür habe ich bisher keine Stellenausschreibung gesehen.

Von wem oder durch was hast Du am meisten über das Schreiben gelernt?

Etwas Handwerkszeug über Schreibratgeber, etwas durchs Lesen, etwas durch die Theaterarbeit als Schauspieler und Regisseur, etwas durch meine Zeit auf der Straße (Leute beobachten und sich in sie hineindenken etc.) … vielleicht am meisten dadurch, dass ich immer wieder mit anderen Menschen zusammenarbeite und versuche, offen für Kritik und Anregungen zu sein. Wenn ich Schreib-Workshops gebe, scheint mir dass der häufigste Fehler zu sein: zu früh zu glauben, man sei am Ziel.

Das beste Buch über das Schreiben?

Keine Ahnung, ich hab nicht so viele davon gelesen. „Über das Schreiben“ von Sol Stein fand ich gut, aber ich habe kaum Vergleich.

Was tust Du außer Schreiben?

Musik und Theater – und dann habe ich noch eine Familie, die will auch etwas Zeit mit mir verbringen …

Dein aktuelles Lieblingsbuch?

Seit Jahren „Huckleberry Finn“ von Mark Twain. Ansonsten habe ich gerade die Krimis von Deon Meyer und die Romane von Martin Suter für mich entdeckt. Und von den Kinderbüchern empfehle ich „Doktor Proktors Pupspulver“ von Jo Nesbo (hätte ich gern selbst geschrieben – aber bloß nicht den Film gucken, der ist grauenvoll) und die „Maulina Schmitt“-Trilogie von Finn-Ole Heinrich.

Welchen Film hast du in letzter Zeit gesehen, der dir besonders gefallen hat?

Ich würde gern viel häufiger ins Kino gehen, aber die Zeit, die Zeit … daher ist meine Empfehlung nicht mehr ganz frisch: „Grand Budapest Hotel“. Tolle Story, tolle Bilder, tolle Schauspieler – mit einer Prise Selbstironie kann man sich auch wieder an die großen Gefühle und Entwürfe heranwagen.

Schreibblockade?

Es kann jedem/jeder passieren und es passiert auch jedem/jeder: die Schreibblockade. Getreu dem Leitspruch: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ (Otto Julius Bierbaum) möchte ich Euch mein Lieblingsvideo zum Thema präsentieren:

Ivan Kander und Ben Watts haben Ausschnitte aus bekannten Filmen zusammengestellt, die eindrücklich den Verlauf einer solchen Schreibblockade zeigen. Viel Spaß dabei!

https://vimeo.com/165015837

Meine besten Filme 2016

Zugegeben, das Jahr 2016 ist sowas von zu Ende, die Jahresrückblicke sind längst gelaufen, aber ich finde, auf die besten Filme 2016 darf man Mitte Januar noch mal kurz zurückblicken. In Zeiten von Netflix, Amazon und Co. lässt sich ja alles Versäumte leicht nachholen. Meine durch und durch subjektive Auswahl:

  • Raum (Irland/Kanada 2016): Oh Gott, ein Film über die Entführung einer Siebzehnjährigen und ihrer Gefangenschaft und ihrem Sohn, der in Gefangenschaft geboren wurde, sonst noch was? Das kann doch nur gruselig sein. Weit gefehlt. Drehbuchautorin Emma Donoghue, die auch die literarische Vorlage schrieb, und Regisseur Lenny Abrahamson haben alles richtig gemacht, heraus kommt einer der berührendsten Filme des Jahres, fern ab von Kitsch und Sentimentalität.
  • Toni Erdmann (Deutschland 2016). Darf nicht fehlen. Da bin ich mir mit so vielen positiven Kritiken ganz und gar einig. Eine sperrige, eigene Komödie mit einer wunderbaren Sandra Hüller, die zwischen Verletzlichkeit und Stärke hin und her brilliert. Buch und Regie: Maren Ade. Europäischer Filmpreis: Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Beste Darsteller (Sandra Hüller und Peter Simonischek)
  • 24 Wochen (Deutschland 2016). Noch ein Film, in dem eine Frau im Mittelpunkt steht. Julia Jentsch spielt die Hauptrolle großartig und ihr moralischer Konflikt um die Frage, ob sie ihr schwerbehindertes Kind auf die Welt bringt, lässt niemanden kalt. Und wer Bjarne Mädel bisher nur als urkomischen „Tatortreiniger“ kannte, wird von seinen dramatischen schauspielerischen Fähigkeiten als Ehemann und Vater des ungeborenen Kindes überrascht werden.
  • Spotlight (USA 2015). Ein Team von Journalisten der Zeitung „Boston Globe“ deckt den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche in Boston auf und enthüllt, wie durch die Versetzung der Priester die Verbrechen jahrelang von den Verantwortlichen vertuscht wurden. Ein spannender Film in bester Journalistenenthüllungsmanier. Wer „Die Unbestechlichen“ (USA 1976) immer wieder gerne ansieht, wird auch diesen Film lieben. Regie: Tom McCarthy, Buch: Tom Mc Carthy und Josh Singer. Oscar für den besten Film und das beste Originaldrehbuch.
  • Rico, Oscar und der Diebstahlstein (Deutschland 2016). Der beste Kinderfilm des Jahres und der dritte Teil der Rico und Oscar-Trilogie, die alle sehenswert sind, dank der großartigen Bücher über Rico und Oscar von Andreas Steinhöfel. Doch diesmal hat Oscar neben dem Krimiplot um den verschwundenen Stein aus Fitzkes Erbe und einer Verfolgungsjagd, die die Jungs bis an die Ostsee führt, noch ein ganz anderes Problem: mit seinem Vater Lars und dem berühmten grauen Gefühl. Rico erfährt, wie es sich anfühlt, wenn einen der beste Freund manipuliert. Oscars Vater Lars muss erwachsen werden und Oscar begreift, dass vielleicht auch Erwachsene eine zweite Chance verdienen. Buch: Martin Gypkens, Regie: Neele Vollmar

Welches waren Eure besten Filme für 2016? Ich freue mich auf Eure Meinungen!

 

 

 

 

Neue Drehbuchseminare in 2017

Pünktlich zum neuen Jahr 2017 gibt es zwei neue Drehbuchseminare, die ich in Zusammenarbeit mit dem Filmbüro Bremen anbiete.

Figuren entwickeln für Einsteiger und Fortgeschrittene

Jeder Film, ob Kurz- oder Langfilm, ob Kino – oder Fernsehfilm und jede Serie lebt von den lebendigen und glaubwürdigen Figuren, die im Mittelpunkt stehen. Mit ihnen gehen wir durch die Geschichte und sie bleiben in Erinnerung.
Wie entwickle ich glaubwürdige Figuren? Was ist ein Protagonist? Wozu brauche ich einen Antagonisten? In welchem Beziehungsnetz aus Verbündeten und Feinden agiert meine Hauptfigur? Welchen Konflikt hat meine Figur? Wie spricht meine Figur? Mit Hilfe von Übungen aus dem Kreativen Schreiben werden wir uns mit diesen Fragen beschäftigen, die neuen Erkenntnisse gleich in eigene Figurenentwürfe und Szenen umsetzen und die Texte gemeinsam lesen und diskutieren.

Aktuelle Termine jeweils montags von 19 – 21Uhr
6./13./20. und 27. Februar 2017
Ort: Filmbüro Bremen, Hinter der Holzpforte 1
Teilnahmegebühr 80€/ Filmbüro Mitglieder 70€
Die Anmeldung erfolgt über Saskia Wegelein: wegelein@filmbuero-bremen.de

 

workshop: stoffentwicklung für autoren

Einen Tag lang besprechen wir in einer kleinen Gruppe Eure Stoffe. Egal, ob Pitch, Exposé, Treatment oder Drehbuch, egal, ob Dokumentarfilm, Kurzfilm oder Spielfilm, jedes Entwicklungsstadium Eures Stoffes und jedes Format ist willkommen. Eine Woche vor dem Termin bekomme ich die Stoffe und versende sie an die anderen Autoren, damit alle alle Texte gelesen haben.

Jeder Stoff wird vom Autor kurz vorgestellt, dann haben wir bis zu 90 Minuten Zeit, um den jeweiligen Stoff zu diskutieren: Thema, Figuren, Plot, Dialoge, Zielgruppe und vieles mehr. Nicht nur die leitende Dramaturgin, sondern auch die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen bringen ihre Fragen und Anregungen ein, um die Stoffe weiterzuentwickeln.

Kosten: 80 Euro, für Filmbüromitglieder ermässigt.

Termine: Samstag, der 25.2. 2017 von 10 bis ca. 18 Uhr

Ort: Filmbüro Bremen, Hinter der Holzpforte 1

Die Anmeldung  erfolgt über das Filmbüro Bremen, Saskia Wegelein: wegelein@filmbuero-bremen.de.

 

 

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2018 skriptreif

Theme von Anders NorénHoch ↑