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Stoffentwicklung und Filmdramaturgie

Schlagwort: Kino

Die besten Serien und Filme 2017

Zum Jahresende meine persönliche Best Of-Liste für 2017. Falls Euch zwischen den Jahren langweilig wird …

ONE MISSISSIPPI

Die zweite Staffel dieser genialen Serie ist im Oktober 2017 bei Amazon Prime erschienen, eine gute Gelegenheit, um sich die erste Staffel (2015) noch mal in Ruhe anzugucken. Komikerin Tig Notaro, die sich selber spielt, hat diese semiautobiographische Serie über ihr Schicksalsjahr entwickelt und mit Diablo Cody („Juno“, „Taras Welten“) den Piloten geschrieben.

Die erste Staffel beginnt mit dem Tod ihrer Mutter. Tig, lesbische Radiomoderatorin aus L. A., kommt deshalb in ihre Heimat Mississippi zurück. Sie hat gerade eine Brustkrebsoperation hinter sich und eine schwere Darmerkrankung. Nicht gerade der Stoff, aus dem Komödien sind, aber das genau gelingt hier. Wie Tig den Tod ihrer Mutter verarbeitet und sich in der verbliebenen Restfamilie zurecht findet mit Bruder Remy, der nicht richtig erwachsen ist, und Stiefvater Bill, der seine Katze über alles liebt und noch vor der Beerdigung der Mutter verkündet, dass sie jetzt gesetzlich keine Verwandten mehr sind, wird mit einem derart trockenen Humor erzählt, dass es eine Freude ist. In der zweiten Staffel geht es nicht mehr länger um Leben und Tod, sondern das Ganze entwickelt sich zu einer Familienserie und Tigs Liebesleben kommt in Schwung, als sie sich in die heterosexuelle Radioproducerin Stephanie verliebt.  ONE MISSISSIPPI ist eine der Serien, die das Thema #MeToo in der Medienbranche schon vorweggenommen haben, genauer, als man es sich wünschen würde, und das Thema wird zum Höhepunkt der zweiten Staffel. Diese  Serie ist sehr berührend, komisch und gefühlsmäßig eine Achterbahnfahrt, absolut sehenswert.

 

GODLESS

Western ist traditionell nicht unbedingt ein Frauengenre, aber diese Mini – Westernserie (7 Folgen) auf Netflix hat mich wirklich gepackt, vor allem Dank der großartigen Frauenfiguren, die gelernt haben, mit allen Mitteln zu überleben. Die zentralen Männerfiguren entsprechen genauso wenig dem Klischee, der Sheriff (Soot Mc Nairy) verliert sein Augenlicht und trifft nicht mehr beim Schießen, der Held Roy Goode (Jack O‘ Connell) lässt sich erst mal das Lesen beibringen, selbst Bösewicht Frank Griffin, großartig gespielt von Jeff Daniels, hat eine Backstory, die seine Brutalität und Unberechenbarkeit nicht entschuldigt, aber nachvollziehbar macht.

Roy Goode, der frühere Ziehsohn des Bösewichts  Frank Griffin, hat die Gang verlassen und landet durch Zufall im nur von Frauen bewohnten Ort „La Belle“. Hier darf er bleiben, solange er die Pferde von Alice Fletcher (Michelle Dockery) zureitet. Als Frank Griffin auf die Suche nach Roy geht und verkündet, dass jede(r), der (die) Roy unterstützt, von ihm und seiner dreißigköpfigen Gang getötet wird, schließen sich die Frauen unter der Regie der Schwester des Sheriffs  (Merrit Wever) zusammen, um es ihnen nicht zu leicht zu machen.  Autor und Regisseur Scott Frank, der schon lange als Drehbuchautor im Geschäft ist, erzählt eine Serie aus einer anderen Welt, ohne Smartphones und modernem Großstadtleben, statt dessen Landschaft, Weite, Pferde und Horizont, das macht allein schon filmisch Spaß.  Die Serie geht über das Genre des Westerns weit hinaus, sie ist ehrlicher und weniger verklärt. GODLESS bietet so viel Neues und Unvorhergesehenes, dass ich mit Spannung bis zum fulminanten Ende dabei war.

 

THE CROWN

Eine Serie über die britische Königin Elizabeth auf Netflix. Die erste Staffel beginnt mit dem Tod ihres Vaters und ihrer Krönung. Die großartige Hauptdarstellerin Claire Foy spielt den inneren Kampf zwischen Leidenschaft und Pflicht glaubwürdig und mitreißend. Ihrem Reifeprozess von der naiven Prinzessin zur repräsentablen Königin guckt man gerne zu. Peter Morgan, Erfinder und Autor der Serie, hat viele historische Ereignisse, aber auch die familiären Ups and Downs der königlichen Familie meisterhaft miteinander verwoben. Die beste historische Serie seit „Downton Abbey“!

 

MANCHESTER BY THE SEA

Der einzige Kinofilm, der es dieses Jahr auf meine Bestenliste geschafft hat, ist schon im Januar im Kino gelaufen und inzwischen auf DVD erhältlich.  Der Eigenbrötler Lee Chandler erhält die Nachricht, dass sein Bruder überraschend gestorben ist. Er kehrt in seinen Heimatort Manchester by the Sea zurück, um die Beerdigung zu organisieren und nach seinem  sechzehnjährigen Neffen Patrick zu sehen.  Als er vom Notar seines Bruders erfährt,  dass er die Vormundschaft für seinen Neffen übernehmen soll, gerät er in große Gewissenskonflikte. Die Begegnung mit seiner Ex- Frau macht ihm endgültig klar,  dass er sich seiner tragischen Vergangenheit stellen muss, um eine Entscheidung zu treffen. Casey Affleck spielt diesen Mann, der an seiner Schuld zerbrochen ist und der jetzt verzweifelt versucht mit dem Wiederaufleben des alten Traumas umzugehen, mit all seiner Verlorenheit, Hilflosigkeit und Aggression. Drehbuchautor Kenneth Lonnergan erzählt eine Geschichte von Schuld und Verantwortung, die mir unter die Haut gegangen ist.

 

 

THE CENTER WILL NOT HOLD (Die Mitte wird nicht halten)

Zum guten Schluss ein Dokumentarfilm auf Netflix über die Autorin und Journalistin Joan Didion, der mich sehr beeindruckt hat. Ich kannte Joan Didion als Autorin ihres Buches „Das Jahr magischen Denkens“, das sie nach dem plötzlichen Herztod ihres Mannes geschrieben hat, und das eine ehrliche und schonungslose Auseinandersetzung mit Trauer und Tod und dem Weiterleben ist. Ihr Neffe Griffin Dunne hat jetzt diesen Dokumentarfilm über sie gedreht. Die vertraute Atmosphäre in den Gesprächssituationen und die Auswahl der Schwerpunkte spiegeln die Nähe zwischen Filmemacher und Protagonistin wider. Auch hier spielt der Tod ihres Mannes und die lebensbedrohliche Krankheit der Tochter und ihr späterer Tod eine große Rolle. Darüber hinaus wird Didions Leben als Journalistin und Essayistin in den Mittelpunkt gestellt, die bis ins hohe Alter mit dem Schreiben versucht, die Welt und das Leben zu verstehen.

 

Sieben Minuten nach Mitternacht

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ erzählt die Geschichte des zwölfjährigen Connor O’Malley (Lewis MacDougall), ein Junge, „zu groß, um ein Kind zu sein und zu klein, um erwachsen zu sein“. Connor hat gerade einen Haufen Sorgen. Seine krebskranke Mutter (Felicity Jones) erholt sich immer schlechter von ihren Behandlungen. Sein Vater, der mit seiner neuen Familie in Amerika lebt, ist eine magere Unterstützung. Seine grantige Großmutter (Sigourney Weaver), auf die seine Mutter immer öfter angewiesen ist, nervt. Und nicht zuletzt sind da noch die drei Mitschüler in seiner Klasse, die ihm jeden Mittag nach Schulschluss auflauern. Bis eines Tages, sieben Minuten nach Mitternacht, ein Monster vor seinem Fenster steht, um ihn zu holen. Das Monster bietet ihm einen Deal an, drei Geschichten wird es ihm erzählen, die vierte Geschichte wird Connor selbst erzählen und das wird die Wahrheit sein. Connor ist alles andere als beeindruckt. Er hat keine Zeit für Geschichten und seine Alpträume, die ihn jede Nacht aufwachen lassen, sind schlimmer als jedes Monster. Doch irgendetwas bringt ihn dazu, sich auf das Monster einzulassen, und das ist das Beste, was ihm passieren kann.

 

„Sieben Minuten nach Mitternacht“  ist die Adaption des gleichnamigen Buches von Patrick Ness. Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist besonders. Patrick Ness hat das Buch geschrieben, aber Siobhan Dowd hatte die Idee. Die erfolgreiche Kinderbuchautorin hatte schon die Figuren, ein detailliertes Exposé und den Anfang der Geschichte, aber ihre Krebserkrankung verhinderte, dass sie dieses Buch selbst zu Ende schreiben konnte. Patrick Ness hat nach ihrem Tod mit diesem Material weiter gearbeitet. Entstanden ist ein wunderbares, berührendes Buch (2011), zu dem er selbst das Drehbuch geschrieben hat. Der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona zeigt mit seiner kongenialen Verfilmung, wie ein Film aussieht, der Kinder und Jugendliche ernst nimmt mit ihren Gefühlen, ihrer Realität und ihrer Phantasie.

Der Film bleibt ganz bei Connor, auf seiner Augenhöhe, bei seiner Perspektive, und erzählt mit Respekt von den Emotionen des Jungen, der nicht akzeptieren will, dass seine Mutter sterben wird. In ihm steckt jede Menge Wut und Verzweiflung. Und wenn das Monster ihm Mut macht, etwas zu zerstören oder sich endlich gegen seine Mitschüler zu wehren, begreift er selbst (und wir als Zuschauer), was ihn umtreibt.

Regisseur Bayona gelingt es nicht zuletzt mit Hilfe der fantastischen Kamerabilder, der gelungenen Ausstattung und den kunstvoll animierten Geschichten, die das Monster erzählt, tief in die Phantasiewelt von Connor einzusteigen. Außerdem zeichnet Connor seine Phantasiegestalten, seine Alpträume und das Monster, genau wie seine Mutter. Auf diese Weise hat der Film eine Ebene mehr als das Buch und verrät, welche Rolle Kunst in dem Prozeß der Auseinandersetzung mit existentiellen Themen spielen kann. Die Glaubwürdigkeit und Authentizität der Figuren im Umgang mit Trauer, Abschied und dem Loslassen einer geliebten Person überzeugen jede Filmminute. Was dabei herauskommt, ist ein berührender Film über einen Jungen, der gezwungen wird, sich seinen Gefühlen zu stellen, die ihn zum Schluss zu seiner eigenen Wahrheit führen.

Seit 4. Mai 2017 läuft der Film (Originaltitel: „A monster calls“) in Deutschland. Ab 19. Oktober 2017 ist die DVD erhältlich. Von der Filmbewertung wurde er mit dem Prädikat: Besonders wertvoll ausgezeichnet.

 

 

 

 

 

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